27. Januar 2026
Kein Sex in der Beziehung?
Alarm-Signal für die Ehe
- Sexualität und Beziehungszufriedenheit
- Warum die Intimität in der Beziehung einschläft
- Auswirkungen fehlender Sexualität auf die Beziehung
- Zeit zu Handeln
Sexualität und Beziehungszufriedenheit
„Ich kann mich nicht mehr daran erinnern, wann wir zum letzten Mal Sex hatten.“ oder „Wir haben schon lange keinen Sex mehr.“ Solche Sätze höre ich immer wieder in meiner Praxis für Paartherapie.
Intimität in der Beziehung ist – wenig überraschend – eng verknüpft mit der Zufriedenheit in einer Beziehung: je zufriedener die Paare mit der Beziehung sind, desto häufiger haben sie Sex; umgekehrt zeigen Paare, die häufiger Sex haben, höhere Zufriedenheit (H. G. Park et al., 2023 und Johnson et al., 2016). Schaut man genauer hin, kommt es allerdings weniger auf die Häufigkeit und sehr viel mehr auf die sexuelle Befriedigung an (H. G. Park et al., 2023). Ein anderer Aspekt ist die Motivation: dient Sex der Herstellung von Nähe und der Vertiefung von Intimität, so steht das im Zusammenhang mit höherer Zufriedenheit; dient er dagegen der Vermeidung (von Konflikten), mit niedrigerer Zufriedenheit (Muise et al., 2013). Nebenbei bemerkt: alle diese unterschiedlichen Aspekte werden im Gottman Core Assessment Questionnaires, also dem Gottman Anamnese-Fragebogen, der Grundlage meiner paartherapeutischen Arbeit, abgefragt und fließen in die Gestaltung einer individuell zugeschnittenen Paartherapie ein.
Aber gibt es vielleicht ungeachtet der eben erwähnten Korrelationen („mehr/weniger X geht mit mehr/weniger Y einher“) auch einen erheblichen Anteil von Paaren, die ohne Sex mit ihrer Beziehung glücklich sind? Laut einer aktuellen Studie aus dem Jahr 2025 (Johnson et al., 2025) sind solche Paare wirklich selten.
In der Beziehung wenig bis gar keinen Sex zu haben ist also ein klares Warnsignal, erst recht wenn es mit einer gewissen Unzufriedenheit mit der Beziehung einhergeht.
Warum die Intimität in der Beziehung einschläft
Es gibt verschiedene Faktoren, die die Häufigkeit von Sex in der Beziehung verringern können.
- Der Alltag und hohe Anforderungen, die er mit sich bringt: Müdigkeit und Erschöpfung nach einem langen Arbeitstag senken in der Regel das Verlangen nach Sex.
- Geburt von Kindern: In den ersten Monaten nach der Geburt eines Kindes haben viele Frauen ein vermindertes sexuelles Interesse, was auch durch den geänderten Hormonhaushalt in dieser Phase verursacht wird. Die bereits erwähnte Studie (Johnson et al., 2025) zeigt, dass das Großziehen junger Kinder die Wahrscheinlichkeit erhöht, dass ein Paar der Gruppe „zufriedene Frau – unzufriedener Mann“ angehört, im Vergleich zu kinderlosen Paaren. In Beziehungen kommt es immer wieder vor, dass sich nach der Cool-Down-Phase keine Rückkehr zur vorherigen Sexualität einstellt.
- Unzufriedenheit mit der Beziehung und dem Partner: „Wenn sie mich ständig kritisiert, habe ich keine Lust mit ihr Sex zu haben.“, oder „Da wir uns nur streiten, ist es mir unangenehm, wenn er mich umarmt oder küsst. Ich kann jetzt keine Nähe zulassen.“, oder „Damit ich wieder Lust empfinde, müssen wir eine Zeit lang nicht streiten. Doch kaum schaffe ich es mich zu beruhigen, kommt der nächste Streit.“
- Keine Zeit, kein Ort ohne Kinder, kein Babysitter: Dieses Problem betrifft vor allem Elternpaare, die keine Zeit finden und keine Privatsphäre ohne Kinder haben. Irgendwann kann diese Ausrede zur Gewohnheit werden.
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Gesundheitliche Probleme:
- Psychische Ursachen: Bei manchen psychischen Erkrankungen kann die Libido stark beeinträchtigt sein, wie z.B. bei einer Depression oder einer Suchterkrankung. Hinzu kommt, dass manche Psychopharmaka als Nebenwirkung eine Reduzierung der Libido mit sich bringen.
- Körperliche Ursachen: unter anderem Erektionsstörung oder neurobiologische oder hormonelle Faktoren bei Frauen, z.B. Menopause.
Auswirkungen fehlender Sexualität auf die Beziehung
Je seltener man mit seinem Partner Sex hat, desto schwieriger fällt es den Wiedereinstieg zu finden. Was zuerst kommt – wenig bis gar kein Sex oder Probleme in der Ehe – ist von Paar zu Paar unterschiedlich. Die Abwesenheit von Sex bringt aber viele negative Gedanken und unerfüllte Bedürfnisse mit sich, die diesen destruktiven Kreislauf verstärken. Verweilt man zu lange in dieser negativen Stimmung, nehmen früher oder später Konflikte in der Beziehung zu und gewinnen Kritik, Angriff oder auch Rückzug als Verhaltensweisen die Oberhand. Rückzug kann genauso aus Scham und Unsicherheit bei körperlichen Erkrankungen wie Erektionsstörungen bei Männern oder sexueller Unlust bei Frauen im Zuge von hormonellen Umstellungen resultieren.
Die Gedanken, die im Kopf kreisen, können in etwa sein: „Er liebt mich nicht mehr.“, „Ich bin nicht attraktiv.“, „Was soll ich tun, um für ihn wieder attraktiv zu werden?“, „Ist es zu spät?“, „Wird es nie mehr wie früher sein?“, „Ich bin nicht gut genug.“, „Kann ich selber etwas an der Situation verändern? Was aber, wenn ich abgelehnt werde? Ich könnte das nicht ertragen.“, „Bin ich ihm egal?“, „Bin ich schlecht im Bett?“, „Liebt er/sie eine/n andere/n?“.
Wird das Bedürfnis geliebt zu werden nicht so gestillt wie man es sich erhofft, dann entsteht das Gefühl von Frust, Unsicherheit, Hilflosigkeit oder Wut. Ist man in der Hilflosigkeit gefangen, so kommen häufiger Kommunikationsstrategien wie Vorwurf und Kritik zum Einsatz und man verlernt, wie man „normal“ mit dem Partner spricht. Plötzlich fällt es schwer, den Partner um etwas zu bitten oder ein schwieriges Thema anzusprechen, ohne gleich in einen vorwurfsvollen Ton zu verfallen.
Dieses Verhalten wiederum kann den Rückzug des anderen provozieren, oder auch ständige Konflikte nach sich ziehen, da der andere Partner permanent das Gefühl hat, seine Unschuld beweisen und sich verteidigen zu müssen. So kann die Sehnsucht nach Intimität bei einem der Partner sehr stark präsent ist, und gleichzeitig wird der Graben zwischen den Partnern immer größer und man findet kaum einen Weg zueinander.
Zeit zu Handeln
Wenn man merkt, dass die Intimität abnimmt und man gar die Häufigkeit von Sex im Jahr an einer Hand abzählen kann, dann ist es höchste Zeit etwas für die Beziehung zu tun! Dazu ist es zwingend notwendig, dass sich beide Partner der Beziehung und der Arbeit daran verpflichtet fühlen. In solchen Fällen rate ich Paaren, professionelle Hilfe zu suchen, denn oft ist es eine große Herausforderung, allein den Weg aus der Negativität in der Beziehung zu finden. Zu viele tiefe Verletzungen auf beiden Seiten verstellen den klaren Blick auf den aktuellen Zustand und darauf, woran gearbeitet werden müsste und wie man eine Verbesserung der Beziehung, inklusive Intimität, erreicht.
Mit einer Paartherapie kann man eine solide Basis für Liebe und Intimität wieder aufbauen. In manchen Fällen wacht die Sexualität und Lust aufeinander wieder auf; manchmal ist es jedoch ratsam, anschließend einen Sexualtherapeuten zu konsultieren, je nachdem, wie hartnäckig das Problem ist und wo die genauen Ursachen liegen.
Literatur
- Johnson, M. D. et al. (2016). Skip the dishes? Not so fast! Sex and housework revisited. Journal of Family Psychology, 30(2), 203–213.
- Johnson, M. D., et al. (2025). How are sexual frequency and relationship satisfaction intertwined? A latent profile analysis of male–female couples. Journal of Family Psychology. Advance online publication.
- Muise, A., et al. (2013). Getting it on versus getting it over with: Sexual motivation, desire, and satisfaction in intimate bonds. Personality and Social Psychology Bulletin, 39(10), 1320–1332.
- Park, H. G., et al. (2023). Sexual satisfaction predicts future changes in relationship satisfaction and sexual frequency: New insights from within-person associations over time. Personality Science, 4(1), Article e11869.