Das verborgene Leid: die Welt der Kinder suchtkranker Eltern

Angst, Unsicherheit, Scham, Hilflosigkeit, Gefangen sein, Einsamkeit... das sind die ständigen Begleiter von Kindern suchtkranker Eltern. Um die Welt so eines Kindes zu verdeutlichen und seine Gefühle vorzustellen, ist hier ein Auszug eines Erfahrungsberichts einer Frau, die mit einem alkoholabhängigen Vater aufgewachsen ist.

Ich weiß nicht, was mich heute Abend erwartet, ich weiß nicht ob ich heute Nacht durchschlafen kann, oder ob es Krach geben wird. Ich habe so ein Gefühl, dass ich auf einer tickenden Zeitbombe lebe, die jeden Tag explodieren kann. Ich habe Angst, wenn ich nach Hause nach der Schule komme. Ich habe Angst, dass meinen Eltern etwas passiert und dass sie nach der Autofahrt nicht mehr nach Hause kommen. Ich habe Angst, dass meine Schulkameraden erfahren, wie es bei mir zu Hause ist. Ich habe keine Freunde, denn ich kann mich niemandem öffnen und ich schäme mich für meine Familie. Ich kann keinen zu mir nach Hause einladen. Als ich älter wurde, konnte ich nicht ausgehen, so wie meine Schulkameraden es machten, da laut meinen Eltern mir etwas passieren konnte. Aber mein sehnlichster Wunsch war es zu fliehen, weg von zu Hause, weg vom Geschrei, weg von der Gewalt, weg von der Ungewissheit...

Bei uns zu Hause ist es oft laut. Schöne, ermutigende Worte höre ich selten. Ich höre oft Beschimpfungen, Beleidigungen und Demütigungen, wie „Du bist dumm“, „Du bist hässlich“, „Du bist zu fett“, „Du bist eine Idiotin“. Manchmal sind diese an mich gerichtet, manchmal an meine Mutter. Ich höre es täglich, es sitzt fest in meinem Kopf. „Ich bin es nicht wert geliebt zu werden.“, und ich frage mich immer wieder, womit ich es verdient hätte, in so ein zu Hause geboren worden zu sein. Ich träumte, dass es still ist, ich träumte über Ruhe und Frieden, über Liebe und Respekt. Ich wünschte mir so sehr, dass meine Träume in Erfüllung gehen würden und der Tag käme, an dem ich alles was ist hinter mir lassen könnte. Meine Zuflucht sind die Bücher, Bücher mit einem Happy End. Manchmal stelle ich mir vor, dass ich die Hauptfigur eines Romans bin und mein Leben nur eine Geschichte, in der sich am Ende alles zum Guten wendet.

Ich habe keinen, dem ich anvertrauen kann, wie es mir geht, ich habe keinen, der mich richtig schützen kann. Den Geruch von Alkohol und Tabak hasse ich, kann ihm aber nicht entfliehen. Ich versuche still zu sein, unsichtbar, denn wenn ich unsichtbar bin, kann mich keiner entdecken und mir etwas antun. Ich passe mich an, ich vermeide überall wo es in meiner Hand liegt Konflikte, denn zu Hause habe ich zu viel davon. Ich bin zwar gut in der Schule, aber ich fühle mich dumm und unfähig. Einerseits weiß ich, dass wenn ich gut gelernt habe, ich alles hinkriege, aber tief im Inneren glaube ich nicht an mich und bin von Selbstzweifeln geplagt.

Ich habe kein Vertrauen in die Menschen. Ich glaube nicht daran, dass mir jemand etwas Gutes wünschen könnte oder es gut mit mir meinte. Ich bin nicht so wie die anderen, und alle merken es. Ich fühle mich so allein. Keiner ist für mich da. Ich muss alleine kämpfen. Ich hoffe, ich schaffe es.

Ich träume davon, so schnell wie möglich erwachsen zu werden und auf eigenen Beinen zu stehen, um weg zu gehen, um mich von der Hölle zu befreien. Aber es ist ein Teil von mir, ein Teil meiner Geschichte, es hat mich geformt und Spuren hinterlassen. Einige Spuren verblassen mit der Zeit, andere bleiben bestehen wie Narben. Ich träume über eine glückliche Familie mit vielen Kindern, ich träume, dass in meiner Familie Frieden, Liebe und gegenseitiger Respekt herrschen. Meine Träume sind mein Zufluchtsort und keiner kann sie mir nehmen.

Wenn ein Kind suchtkranke Eltern hat, ist es seinem Schicksal komplett ausgeliefert. Das Kind kann nicht von zu Hause fliehen, das Kind kann sich nicht scheiden lassen, wenn ihm die Eltern nicht passen, das Kind muss meistens in der Familie aufwachsen, in die es hineingeboren ist. Manche sagen, dass die Kinder sich selbst die Familie aussuchen, in die sie hineingeboren werden. Doch wie hilfreich ist so eine Sichtweise für das Kind, das in einem Leben mit suchtkranken Eltern gefangen ist? Für das Kind ist diese Perspektive eher schädlich als nützlich. Denn dann denkt das Kind vermutlich: „Ich habe so ein Leben verdient, ich muss Schuld daran sein, dass es so ist, wie es ist.“

In der Regel haben Kinder suchtkranker Eltern keinen, dem sie sich anvertrauen können, sie haben keinen, der sich ihre Sorgen und Ängste anhört. Sie fühlen sich einsam und haben das Gefühl, dass keiner sich für sie interessiert. In der Familie wird oft Mitleid mit dem Elternteil, der nicht süchtig ist, gezeigt. Auch die Kinder haben das Gefühl, dass sie dem leidenden Elternteil eine Stütze sein müssen, und für ihr Wohl sorgen. So entstehen Glaubenssätze wie: „Ich bin für das Wohl der Anderen verantwortlich.“, „Ich muss mich um die Anderen kümmern.“, „Ich bin unwichtig.“, „Ich kann alles ertragen.“, „Ich muss mich um den anderen kümmern um geliebt zu werden.“. Die Kinder sind von ihren Eltern gänzlich abhängig und können der Familiensituation nicht entfliehen, sie sind zu Hause gefangen. Solche Kinder können Ihr Herz auch dem co-abhängigen Elternteil nicht ausschütten, denn dadurch würden sie alles nur noch schlimmer machen. Die Kinder glauben, dass wenn Mama oder Papa erfährt, wie schlimm es ihnen geht, dass sie sich dann noch mehr Sorgen machen. Das wollen die Kinder nicht, denn das machte sie für das Leid des Elternteils mitverantwortlich.

Die Kinder brauchen aber dringend jemanden (außerhalb des eigenen Familiensystems), der sie ernst nimmt, jemanden dem das Kind vertrauen kann, jemanden zu dem das Kind flüchten kann, jemanden, der dem Kind sagt: „Es ist nicht deine Schuld, und nicht deine Verantwortung. Es wird vorbei gehen. Irgendwann wirst du erwachsen sein, und du kannst das Elternhaus verlassen und dein Leben so gestalten wie du es magst. Das Leben hat auch schöne Seiten und diese wirst du eines Tages erleben.“ Manchmal kann diese Rolle eine Person aus dem erweiterten Familien- oder Freundeskreis sein. Leider gibt es diese Möglichkeit oft nicht. Wenn man als co-abhängiger Elternteil sich ernsthaft Sorgen um das Wohlergehen seiner Kinder macht, lohnt es sich eine externe psychologische Hilfe für das Kind in Anspruch zu nehmen, damit das Kind sich ohne schlechtes Gewissen öffnen kann. Zusätzlich lernt das Kind Hilfe von anderen anzunehmen, anstatt selber immer der Hilfegebende zu sein. Das Kind braucht einen sicheren Ort, wo es sich erholen und Energie tanken kann, einen Ort wo das Kind jederzeit hingehen kann und sich die benötigte Auszeit nimmt.

In der Konstellation, wo nur ein Elternteil abhängig ist, entstehen zwei Lager in der Familie: auf der einen Seite der co-abhängige Elternteil mit den Kindern, auf der anderen der abhängige Elternteil. Gut und Böse... Somit entstehen Loyalitätskonflikte beim Kind. Das Kind stellt sich oft auf die Seite des co-abhängigen Elternteils, die gut ist und Schutz braucht. Oft wird dann eine große Abhängigkeit durch Manipulationen in der Eltern-Kind Beziehung aufgebaut. Das Kind übernimmt die Rolle des Partners oder eines Freundes, und übernimmt zu früh in seinem Leben Aufgaben einer erwachsenen Person. Der co-abhängige Elternteil gibt dem Kind das Gefühl, dass das Kind das einzig Gute in seinem Leben ist und dass er/sie ohne das Kind nichts schafft. Die Verantwortung für das eigene Wohlbefinden übergibt das Elternteil dem Kind. Das Kind passt sich an und versucht keinen Stress zu machen. Das Kind wird unfrei, gebunden, hilflos und gleichzeitig verantwortlich für das Wohlergehen der Familie.

Das Leben mit einem suchtkranken Elternteil hat Auswirkungen nicht nur auf das Leben innerhalb der Familie, sondern auch außerhalb. Das Verhalten solcher Kinder in einem sozialen Umfeld kann sich unterschiedlich zeigen. Jedes Kind entwickelt dabei seine eigene Überlebensstrategien. Einige Kinder ziehen sich zurück, haben Schwierigkeiten Freunde zu finden, sind schüchtern, wollen unsichtbar sein, schämen sich für die Familie und haben Angst, dass andere davon erfahren können und reduzieren somit den Kontakt zu anderen auf ein Minimum. Solche Kinder sind unsichtbar, machen den anderen keine Probleme, passen sich gut an. Eine andere Ausprägung ist, wenn die Kinder auffällig ungehorsam und laut sind, wenn sie buchstäblich nach Hilfe schreien, nach Zuwendung, nach Aufmerksamkeit und danach, dass jemand bemerkt, dass etwas nicht in Ordnung ist. Manche Kinder und Jugendliche suchen selbst den Ausweg in Alkohol oder Drogen und eignen sich die Überlebensstrategie des süchtigen Elternteils an.

Die Verhaltensmuster und Überlebensstrategien, die in der Kindheit erworben wurden, spielen auch im Erwachsenenleben eine große Rolle. Viele Erwachsene-Kinder sind konfliktscheu; haben Angst Nein zu sagen, da dadurch Andere verletzt oder sie nicht mehr gemocht werden könnten; wollen nicht auffallen; haben Hunger nach Liebe und tun alles für die anderen, nur nicht für sich selbst. In Folge dessen sind sie bereit vieles auszuhalten, denn daran sind sie ja gewöhnt. Viele erwachsene Kinder kennen die eigenen Bedürfnisse nicht und wissen nicht wo sie anfangen sollen um diese zu erkennen, denn sie haben es nie gelernt. Sie wissen nicht, was es bedeutet sich zu entspannen, oder wie der entspannte Zustand sich anfühlt, denn das Leben ist hart, es wird einem nichts geschenkt und man muss hart arbeiten. Viele erwarten nur das Schlechte vom Leben und haben Angst sich dem Guten zu öffnen, das Gute zu akzeptieren und sich daran zu erfreuen, denn der Glaubenssatz „Ich verdiene es nicht“ sitzt sehr hartnäckig tief in ihrem Inneren. Das Selbstwertgefühl ist oft niedrig, denn sie haben die bedingungslose Liebe und Akzeptanz nie erfahren. Einige Erwachsenen-Kinder werden durch die Kindheitserfahrungen gebrochen und gehen den ähnlichen Weg, wie ihr süchtiges Elternteil oder sie werden psychisch krank. Einige geben ihren Eltern die Schuld, für all das, was in ihrem Leben schiefgelaufen ist oder immer noch schief läuft und übernehmen manchmal den Manipulationsstab des co-abhängigen Elternteils.

Es gibt aber auch Erwachsene-Kinder, die durch die traumatische Erlebnisse in der Kindheit, aus der Situation psychisch gewachsen herausgehen, die aus der schwierigen Kindheit viel gelernt haben und wissen, wie sie für sich kämpfen und wie sie ihr Leben so gestalten, dass sie damit zufrieden sind. Über solche Erwachsenen-Kinder würde man heute sagen, dass sie resilient sind, oder dass sie posttraumatisches Wachstum erlebt haben. Für Außenstehende sind solche Menschen die Kämpfer, die viel Ausdauer haben um ihr Ziel zu erreichen. Manche würden sagen, dass diese Menschen Glück im Unglück haben, denn durch ihre Lebensgeschichte haben sie die Gelegenheit bekommen an schwierigen Lebenssituationen zu wachsen. Einige Erwachsenen-Kinder schaffen diesen Weg alleine, und einige brauchen Unterstützung bzw. jemanden, der ihnen zeigen kann, wie man aus der Hölle rauskommt, und den Weg zu sich wiederfindet. In manchen Situationen hilft es die traumatischen Erlebnisse aus der Kindheit zu verarbeiten, um einen strahlenden Lichtblick in sein Leben durchzulassen und gestärkt in die Zukunft zu gehen, und um die Verantwortung für eigene Handlungen und die eigene Zukunft zu übernehmen. Als Erwachsene haben dann die Kinder suchtkranker Eltern endlich die Möglichkeit, die eigene Lebenssituation zu verändern. Man hat die Möglichkeit aus der Hilfslosigkeitsstarre in die Handlung zu kommen. Man kann zwar die Vergangenheit nicht ungeschehen machen, aber man kann die Vergangenheit loslassen, damit es nicht die Macht über das ganze Leben hat. Die schlimme Vergangenheit loszulassen heißt nicht diese zu vergessen, sondern es bedeutet der Zukunft eine Chance zu geben: eine Chance für ein zufriedenes und schönes Leben, das Leben, das jeder Mensch verdient.

Heute bin ich erwachsen, ich bin glücklich verheiratet und habe zwei Kinder. Liebevoller Umgang miteinander und gegenseitiger Respekt bilden eine solide Grundlage in unserer Beziehung. Ich bin glücklich. Mein Traum ist wahr geworden. Happy End ist für mich nicht das Ende eines Märchens, sondern der Anfang eines schönen selbstbestimmten Lebens.

Julia Karrasch, 6. November 2023