Wie man ein hohes Selbstwertgefühl in Zeiten von Wettbewerb entwickelt

Ich bin ich. Du bist Du.
Ich bin verantwortlich für mein Leben
und Du bist für deines verantwortlich.

Ich bin nicht dazu da, um deine Erwartungen zu erfüllen,
noch bist du dazu da, um meine zu erfüllen.
Wenn sich unsere Wege kreuzen, ist das wunderschön,
aber wenn nicht, werden wir uns getrennt voneinander fortbewegen müssen.
Weil ich mich selbst nicht liebe,
wenn ich mich selbst verrate,
nur um dich glücklich zu machen.
Ich liebe auch dich nicht, wenn ich will,
dass Du bist, wie ich das möchte,
anstatt dich so zu akzeptieren, wie Du bist.
Du bist Du und ich bin ich.
(Fritz Perls)

Man liest und hört immer wieder über die hohe Bedeutung von Selbstwert für die Gesundheit der Menschen. In der Tat, wer ein gesundes (hohes) Selbstwertgefühl hat, hat eine höhere Lebensqualität, hat weniger gesundheitliche Probleme, ist positiver gegenüber sich und seinen Mitmenschen eingestellt, und hat Vertrauen in sich und das Leben. Ein hohes Selbstwertgefühl ist dadurch gekennzeichnet, dass man sich selbst—so wie man ist—akzeptiert, liebt und seine eigenen Bedürfnisse respektiert.

Ein niedriges Selbstwertgefühl birgt viele Gefahren in sich und fördert die Entstehung von Krankheiten. Psychische Krankheiten spielen dabei eine besonders wichtige Rolle. Wer ein niedriges Selbstwertgefühl hat leidet häufiger an diversen Angsterkrankungen (z.B. an sozialer Phobie), Depressionen, Essstörungen, Schlafstörungen oder an Suchtverhalten (man trinkt sich Mut an). Auch ein Burn-Out kann sich deswegen entwickeln. Da Körper und Psyche eng miteinander verbunden sind, kann man die Folgen von niedrigem Selbstwertgefühl buchstäblich am eigenen Leib spüren, da die körperlichen Auswirkungen nicht auf sich warten lassen.

Die moderne Gesellschaft macht es den Menschen zurzeit schwer ein hohes Selbstwertgefühl zu entwickeln und dieses dauerhaft zu erhalten. Seit frühster Kindheit wird man permanent mit Anderen verglichen, hier nur ein paar Beispiele:

  • Ein Kind muss mit 12 Monaten schon laufen und eventuell die ersten Worte sagen. Wenn das Kind das noch nicht kann, sorgen sich viele Eltern oder Angehörige, dass etwas mit dem Kind nicht stimmen könnte und ergreifen Maßnahmen, statt dem Kind einfach mehr Zeit zu geben und das Vertrauen zu haben, dass das Kind es zu gegebener Zeit ganz von alleine, ohne jeden Druck lernen wird.
  • Kinder werden in zunehmend jüngerem Alter Frühförderungsmaßnahmen unterzogen, etwa musikalische Früherziehung, Mutter-Kind-Turnen, Schwimmen oder Tanzen. Die Zunahme an Förderaktivitäten ist auch einem gewissen Förderwettbewerb, vor allem im Vergleich mit anderen Gleichaltrigen, geschuldet. Die Absichten der Eltern sind natürlich gut, man wünscht sich stets nur das Beste für seine Kinder. Wenn das Kind nun nicht so talentiert, interessiert oder vielleicht auch noch nicht reif genug ist für einen bestimmten Kurs, wie muss es sich für den jungen Menschen anfühlen, Woche für Woche gefangen in einer bestimmten Situation zu sein? Ein Beispiel: Anna und Elsa sind 5 Jahre alt und beste Freundinnen. Da es sehr wichtig ist, dass alle Kinder sicher schwimmen können, melden die Eltern die beiden Mädchen bei einem Schwimmkurs an. Anna macht es viel Spaß, sie fühlt sich sicher im Wasser und sie verbessert ihre Schwimmfähigkeiten sehr schnell. Elsa hingegen mag das Wasser nicht so sehr. Jedes Mal wenn es zum Schwimmtraining geht, weint sie, löst sich nur widerwillig von Mama oder Papa, und im Training geht es nicht recht voran. Um ihre Tochter zu motivieren, sagt die Mutter zu Elsa: „Schau mal wie gut Anna schon schwimmen kann. Das kann doch nicht so schwer sein, also streng dich an. Du versuchst es ja nicht mal.“ Was lernt Elsa aus dieser Situation? „Anna ist besser als ich. Ich bin nicht so gut wie Anna.“ Oder aber vielleicht sogar: „Meine Mutter liebt mich nur, wenn ich gut schwimme und mich anstrenge.“
  • In der allgemeinen Schule dann stehen Bewertungen durch die Lehrer an. Es gibt ein Pflichtprogramm, das in vorgegebener Zeit von allen Schülern gleichermaßen absolviert werden muss. Es ist leistungsorientiert und die Kinder werden stets nach ihren Leistungen bewertet und miteinander verglichen. Die Kinder, die das Glück haben, alles schnell zu verstehen und daher oft gute Noten bekommen, sind die Lieblinge der Lehrer. Aber wie geht es den vielen anderen Kindern, die nicht zum geforderten Zeitpunkt die erwartete Leistung erbringen? Wie geht es den Kindern, wenn sie immer wieder hören, dass sie sich mehr anstrengen sollen, um bessere Noten zu bekommen, da sonst aus ihnen nichts werden könne? Vielleicht hilft es, wenn man sich als Erwachsener in die Situation versetzt und aus der Perspektive eines Kindes die Situation erlebt. Was ist, wenn die Fächer in der Schule das Kind nicht oder noch nicht interessieren? Was ist, wenn das Kind in anderen Bereichen seine Leidenschaft hat und wo es richtig gut ist oder sein kann, wenn sich nur die Gelegenheit dazu ergibt? Und wie wäre es, wenn man dem Kind ermöglicht, diese Leidenschaft auszuleben, und zwar bedingungslos und nicht nur als Belohnung für gute schulische Leistungen?
  • Im Elternhaus spüren die Kinder ebenfalls die hohen Erwartungen. Einerseits betrifft es die Schule und weitere Bildungsperspektiven, anderseits muss das Kind auch sportlich, musikalisch, künstlerisch, etc. sein. So sind die Kinder täglich den Bewertungen der Eltern in den unterschiedlichsten Lebensbereichen ausgesetzt. In der Kindheit entstehen auch die Glaubenssätze (z.B. „du bist nicht gut genug“, „du hast es nicht verdient“, „du machst das, was dir gesagt wird“, etc.), die einen ein Leben lang begleiten können. So spürt ein Kind, dass es nur dann geliebt wird, wenn es alles und bei allem mitmacht, damit die Eltern glücklich sind. Und das passiert auf Kosten des Kindes. Wenn man stets auf die Erwartungen von anderen fokussiert ist und bemüht ist, diese zu erfüllen, wie soll man dann lernen die eigenen Bedürfnisse wahrzunehmen und auf diese zu achten? Wie lernt man sich bedingungslos so zu lieben, wie man ist? Wie kann man unter solchen Umständen ein hohes Selbstwertgefühl entwickeln?

Die Dauerbewertung begleitet die Menschen fast ein ganzes Leben. Mit dem Schulabschluss fängt (zusätzlich zur Bewertung) die Zeit der DauerbeWERBUNG an. Spätestens nach Schulabschluss beginnt man mit Eigen-WERBUNG, um einen Ausbildungs- oder Studienplatz zu bekommen. Es geht weiter mit der Suche nach einer Arbeit, einer Wohnung, einem Partner, etc. Dabei wird man bewertet, und mit anderen Mitbewerbern verglichen, und der Beste kriegt den Platz. Bei der Bewerbung macht man Werbung für sich selbst, man „verkauft“ sich als Produkt, dass zu guten Leistungen fähig ist. Man muss nur beweisen, dass man selbst „das beste Produkt“ von allen aus der ähnlichen Produktpalette ist. Soweit so gut. Die Frage ist, wie schafft man eine überzeugende Werbung für sich selbst zu machen, wenn man selbst große Zweifel an sich und seinen Fähigkeiten hat? Wenn man seit Kindertagen immer wieder hört, dass man nicht gut genug ist, dass man sich mehr anstrengen muss, um irgendwas zu erreichen, wenn die Noten in der Schule nur mittelmäßig waren und man nur selten man selbst sein kann oder konnte. Wie kann man überzeugend Werbung für sich machen, wenn man teilweise sich selbst gar nicht kennt? Um in der Gesellschaft einen Platz einzunehmen, oder Freunde zu finden, adaptiert man sich oft und passt sich den anderen an. Man übernimmt fremde Werte, fremde Wünsche, fremden Stil und fremde Verhaltensweisen, um nur nicht aus der Reihe zu tanzen und geliebt zu werden. Man tut und opfert so viel um seinen Platz zu finden, nur verliert man dabei sich selbst.

Und nun stellt sich die Frage, wie man in der heutigen Gesellschaft noch ein starkes Selbstwertgefühl entwickeln kann? Wie schafft man es zu sich und zu den eigenen Bedürfnissen zu stehen? Wie schafft man authentisch zu sein und sich treu zu bleiben? Wie schafft man es sich selbst so zu akzeptieren und zu lieben wie man ist? Wie schafft man, zu sich selbst zu finden?

Eine einfache Lösung oder ein Wundermittel gibt es hier natürlich nicht und jeder muss seinen ganz eigenen Weg finden und gehen. Viel ist aber bereits gewonnen, wenn man sich des Problems bewusst wird, wenn man merkt, was einem fehlt und auch die eigenen Bedürfnisse wieder mehr wahrnimmt. Es kann helfen, wenn man wieder lernt auf das eigene Bauchgefühl zu hören, und auf die eigenen Bedürfnisse zu achten. Denn nicht alles was gesellschaftlich als gut und richtig dargestellt wird, ist gut und richtig für alle. Sich dessen bewusst zu werden und entsprechend zu handeln, ist nicht immer einfach aber langfristig lohnt es sich. Wie Kant einmal gesagt hat: „Wer sich zum Wurme macht, darf nicht darüber klagen, mit Füßen getreten zu werden.“

Ein anderer wichtiger Faktor ist Authentizität. Authentisch zu sein bedeutet sich in möglichst jeder Situation treu zu bleiben, sich nicht zu verstellen oder anderen etwas vorzuspielen, um eine bestimmte Wirkung zu erzielen. Authentisch zu sein ist nicht immer einfach und erfordert Mut und Akzeptanz seiner Selbst so wie man ist mit allen Stärken und Schwächen. Das Streben nach Perfektion ist nur eine Illusion, denn was heißt schon perfekt? Perfektion, die Aussagen wie „richtig“ oder „falsch“ – sind immer nur eine Sache der Perspektive. Alles perfekt zu machen, bedeutet bestimmte Dinge fehlerfrei und makellos zu machen. Aber die Fehler kann man auch als eine Chance betrachten, denn aus den Fehlern lernt man. Fehler sind unser treuer Wegbegleiter beim Lernen, Erfahrungen sammeln und sich Weiterentwickeln.

Sich um sich selbst zu kümmern und liebevoll und wertschätzend mit sich umzugehen, kann ebenfalls hilfreich auf dem Weg zum höheren Selbstwertgefühl sein. Nur wenn man selbst bei seinen eigenen Kräften ist und wenn es einem gut geht, kann man sich auch um andere kümmern und für deren Wohlbefinden sorgen. Das folgende Beispiel veranschaulicht das sehr gut: Angenommen Mutter und Kind fliegen zusammen in den Urlaub. Es gibt einen Druckabfall in der Kabine und die Sauerstoffmasken fallen von der Kabinendecke. Nun ist es selbstverständlich, dass die Mutter zuerst sich selbst die Maske aufsetzt, um sicherzustellen, dass sie im Anschluss dem Kind helfen kann.

Einer erfüllenden Tätigkeit nachzugehen wirkt sich ebenfalls positiv auf das Selbstwertgefühl aus. Eine Beschäftigung,

  • die einem etwas bedeutet,
  • die man gerne und mit voller Leidenschaft tut,
  • die etwas bewegt und eventuell anderen Menschen hilft,
befördert das Gefühl der Selbst-Wirksamkeit und der Sinnhaftigkeit. Solche Tätigkeiten können
  • als Hobby (z.B. Musik, Kunst, Gartenarbeit),
  • als Arbeit (z.B. Krankenschwester, Pfleger, Arzt, Sozialarbeiter, Kindergartenerzieher, Tierheimmitarbeiter) oder auch
  • als ehrenamtliche Tätigkeit (z.B. Krisendienst, freiwillige Feuerwehr, Jugendarbeit)
in Kooperation – statt Wettbewerb – mit Anderen ausgeübt werden. Sehr oft wird leider Arbeit, die anderen Menschen hilft und aus der sozialen Perspektive einen hohen Stellenwert und Nutzen hat, nur sehr gering bezahlt oder muss teilweise komplett ehrenamtlich gemacht werden. Obwohl die Ausübung solcher Tätigkeiten in der heutigen Gesellschaft als finanziell sehr unattraktiv präsentiert werden, kann es für einige sehr erfüllend sein. Derjenige, der einen echten Nutzen für reale Menschen durch seinen Beitrag leistet, verspürt den Sinn seiner Arbeit und erkennt die Wirksamkeit seiner Taten, was im Endeffekt ebenfalls das Selbstwertgefühl steigern kann.

Das Selbstwertgefühl von Kindern wird in den ersten Lebensjahren überwiegend durch seine Familie bestimmt. Laut Virginia Satir „können Gefühle von positivem Selbstwert nur in einer Atmosphäre gedeihen, in welcher individuelle Verschiedenheiten geschätzt sind, in welcher Fehler toleriert werden, wo man offen miteinander spricht und wo es bewegliche Regeln gibt – kurz in einer Atmosphäre, die eine „nährende“, wachstumsfördernde Familie ausmacht.“ Damit Kinder die Gelegenheit bekommen, ein gesundes Selbstwertgefühl zu entwickeln, brauchen Sie starke und authentische Eltern:

  • Eltern, die Mut haben zu den eigenen Bedürfnissen zu stehen,
  • Eltern, die Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten bezüglich der Kinder haben und sich nicht von wechselnden Erziehungstrends verunsichern lassen,
  • Eltern die sich nicht durch andere verunsichern lassen, nur weil sie irgendetwas anders machen als es angesagt ist,
  • Eltern, die eine stabile Bindung zu ihrem Kind aufbauen können, eine Bindung, die dem Kind ein Gefühl der Sicherheit und Geborgenheit gibt.
Eltern, die in der Lage sind, ihre eigenen Bedürfnisse wahrzunehmen und entsprechend zu handeln, können auch für ihre Kinder eine gute Stütze sein. Sie können den Kindern authentisch vermitteln und vorleben, dass jeder liebenswert ist so wie er ist, und dass man gut ist so wie man ist.

„Integrität, Ehrlichkeit, Verantwortlichkeit, Leidenschaft, Liebe – alles strömt frei aus dem Menschen, dessen Selbstwert-“Pott“ voll ist. Er weiß, dass er etwas bedeutet und dass eine Welt ein kleines Stückchen reicher ist, weil er da ist. Er glaubt an seine eigenen Fähigkeiten. Er ist fähig, andere um Hilfe zu bitten, aber er glaubt an seine eigene Entscheidungsfähigkeit und an die Kräfte in sich selbst. Weil er sich selber wertschätzt, kann er auch den Wert seiner Mitmenschen wahrnehmen und achten. Er strahlt Vertrauen und Hoffnung aus. Er hat seine Gefühle nicht mit Regeln belegt. Er akzeptiert alles an sich selbst als menschlich.“ (Virginia Satir)

Der Weg zu einem hohen Selbstwertgefühl in der heutigen, wettbewerbsdominierten Zeit ist nicht einfach. Es erfordert Mut, Durchhaltevermögen, Wahrnehmung der eigenen Bedürfnisse und Kooperation mit Anderen. Wer diesen Weg geht, findet wieder zu sich, und kann sein Leben – und das seiner Mitmenschen – auf positive Art und Weise verändern.

Julia Karrasch, 27. Mai 2023