Was ist... Positive Psychologie?

Was ist die erste Assoziation, die man hat, wenn man den Begriff positive Psychologie hört? Nach einer kleinen Umfrage stellt sich folgendes Bild dar:

Die Menschen assoziieren Positive Psychologie mit Neugierde und Optionen, Liebe, gute Laune, Entspannung und Selbstachtung, Verbesserung der Lebensqualität, Neuanfang, Restart, Unterstützung und Hilfe annehmen. Der Begriff wird auch in Verbindung gebracht mit „den Patienten in beratender Weise an sein Ziel heranführen durch Lob, Wertschätzung und Bestätigung“, oder „Menschen mit der „kranken“ Seele wieder die Möglichkeit zu eröffnen das Positive zu erkennen, die schönen Dinge im Leben wertzuschätzen und sich wieder über die Kleinigkeiten freuen.“

Es gibt aber auch anderslautende Auffassungen. So gerät die Positive Psychologie immer wieder in den Medien und Literatur in die Kritik, sie wäre nichts mehr als ein Streben nach Glück, ein Mittel zur Selbstoptimierung und zur Effizienzsteigerung. „Zudem vereinfachten die zugrunde liegenden Konzepte von Optimismus und Pessimismus das komplexe Zusammenspiel zwischen der menschlichen Persönlichkeit und ihrem sozialen Umfeld.“ [1]

Aber was steckt eigentlich hinter dem Begriff Positive Psychologie und womit beschäftigt sich diese Psychologie-Richtung? Grundsätzlich kann man sagen, dass sich die positive Psychologie mit den Aspekten des Lebens beschäftigt, die ein Leben lebenswert und bedeutungsvoll machen.

Positive Psychologie ist eine relativ junge Richtung in der Psychologie, zu deren Gründervätern Martin Seligman und Mihály Csíkszentmihályi gehören. Zwar wurde der Begriff „positive Psychologie“ von Abraham Maslow bereits 1954 zum ersten Mal verwendet, dennoch bekam Positive Psychologie erst in den 1990-er Jahren durch den US-amerikanischen Psychologen Martin Seligman eine große Aufmerksamkeit. So startete Seligman seine Präsidentschaft bei der American Psychological Assosiation (APA) mit der Rede, in der er seine Kollegen dazu motivierte den Blickwinkel bei der Behandlung der psychischen Krankheiten radikal zu verändern. „Sie sollten sich nicht mehr länger ausschließlich mit seelischer Krankheit – ihren Entstehungsbedingungen und ihrer Behandlung – beschäftigen, sondern ihr Augenmerk und ihr Forschungsinteresse auch darauf richten, was Menschen gesund erhält.“ [2]

„Die positive Psychologie hat zum Ziel, die Psychologie zu vervollständigen, indem sie bisher vernachlässigte Bereiche erforscht und sich beispielsweise mit Charakterstärken, Tugenden, Wohlbefinden, Lebenszufriedenheit, positiven Emotionen und Talenten befasst.“ [3]

Die Entwicklung der Theorie der Positiven Psychologie durchlief mehrere Stadien. In den Anfangsjahren seiner Forschung hatte Martin Seligman die Theorie des authentischen Glücks herausgearbeitet, wobei das Hauptthema das Glück war, das durch Lebenszufriedenheit gemessen wird. Das zu erreichende Ziel ist eine zunehmende Lebenszufriedenheit. Mit der Zeit hat Seligman einige Schwachpunkte in der Theorie festgestellt. Einer der schwächenden Faktoren dieser Theorie ist, dass die Mehrheit der Bevölkerung „Glück“ mit einer guten und fröhlichen Stimmung gleichsetzt. Außerdem ist es sehr unzuverlässig, die Lebenszufriedenheit als den einzigen Maßstab zur Messung des Glücks zu nehmen, da die Lebenszufriedenheit und somit das Glück sehr stark von der aktuellen Stimmung abhängig sind und somit nicht aussagekräftig genug sind.

Im weiteren Verlauf seiner Forschung hat Seligman die Theorie des Wohlbefindens entwickelt. Seligman sagt: „Wohlbefinden ist ein Konstrukt, und Glück ist ein Ding.“ [4] Laut dieser Theorie gibt es fünf Elemente, die zum Wohlbefinden beitragen. Diese Elemente sind: positives Gefühl, Engagement, Sinn, positive Beziehungen und Zielerreichung. Um als Element zu gelten, muss ein Aspekt des Wohlbefindens drei folgende Eigenschaften erfüllen:

  • „Es trägt zum Wohlbefinden bei;
  • viele Menschen streben um der Sache selbst willen danach, nicht nur um eines der anderen Elemente zu erhalten;
  • es lässt sich unabhängig von den anderen Elementen definieren und messen (Exklusivität).“ [4]

Somit ist das Wohlbefinden nicht von einem einzigen Element abhängig, sondern jedes dieser Element trägt zum Wohlbefinden bei. Das Ziel der Theorie des Wohlbefindens ist laut Seligman zunehmendes Aufblühen (oder Flourishing) der Menschen durch Einbeziehung mehrerer dieser fünf Elemente.

Doch was bedeutet Aufblühen bzw. Flourishing? Laut Definition von Felicia Huppert und Timothy So (Cambridge University) muss ein Mensch, über den man sagen kann, dass er aufblüht oder sich entfaltet über alle Kerneigenschaften (Positive Gefühle, Engagement, Interesse, Sinn und Bedeutung im Leben) sowie mindestens drei der sechs zusätzlichen Eigenschaften – also Selbstachtung, Optimismus, Resilienz, Vitalität, Selbstbestimmtheit, positive Beziehungen – verfügen.

An dieser Stelle möchte ich betonen, dass die Positive Psychologie negative Gefühle nicht leugnet und auch nicht bagatellisiert. Die negativen Gefühle gehören genauso zu unserem Leben, wie die positiven. Die negativen Gefühle spielen eine wichtige Rolle in unserem Leben und in einigen Situation sind diese unabdingbar. Barbara Fredrickson dazu: „eine angemessene negative Haltung erdet uns, sorgt für Wirklichkeitsnähe und Ehrlichkeit.“ [5] Wichtig ist, dass man nicht zur Geisel der negativen Gefühle wird, die einem jede Hoffnung und jeden Lichtblick aus dem Leben nimmt. Das Ziel hier besteht darin, die negativen Gefühle bzw. deren Wirkung zu reduzieren, die überflüssige Negativität im Leben zu reduzieren und aus der Schwarz-Weiß-Denkspirale rauszukommen.

Es ist so, dass die negativen Gefühle in der Regel viel intensiver als die positiven Gefühle erlebt werden. Die positiven Gefühle werden in der Regel häufiger erlebt, nur werden diese nur unterschwellig wahrgenommen. Die positiven Gefühle „sind oft zart wie ein Flügelschlag, aber ihre Auswirkungen sind besonders stark.“ [5]. Die positiven Gefühle sind die Ressourcen und diese kann man mit bestimmten Interventionen, Übungen und professioneller Begleitung mehr zum Vorschein bringen. Positive Emotionen und positive Stimmung „tragen zu einer breiteren Aufmerksamkeitsspanne, kreativerem Denken und ganzheitlichem Denken bei. Im Gegensatz dazu führt negative Stimmung zu einer Verengung der Aufmerksamkeit, kritischerem und analytischerem Denken… Wenn Sie sich in einer schlechten Stimmung befinden, greifen Sie defensiv auf das zurück, was Sie bereits wissen, und Sie folgen gern Befehlen.“ [4].

In der positiven Psychologie ist ein sogenannter 3-zu-1 Quotient von großer Bedeutung. In dem Fall bedeutet es, dass auf jede negative Erfahrung drei positive Erlebnisse kommen. Die Studien von Barbara Fredrickson zusammen mit Marcel Losada haben gezeigt, dass bei Menschen mit einem erfüllten Leben der Quotient über 3-zu-1 liegt. Bei den Menschen, die mit ihrem Leben unzufrieden sind und sich nicht weiterentwickeln, liegt der Quotient deutlich unter 3-zu-1.

Die Relation zwischen negativen und positiven Emotionen/Erlebnissen kommt auch in anderen psychologischen Richtungen zur Anwendung. John Gottman (einer der weltweit führenden Experten auf dem Gebiet der Eheforschung) hat, während seiner Praxisarbeit gestützt durch seine Forschungsarbeit und Experimente, herausgefunden, dass bei erfüllten Partnerschaften der positive Quotient bei 5-zu-1 liegt. [6]

Das Wohlbefinden lässt sich verändern und verstärken. Positive Psychologie bzw. positive Psychotherapie ist eine ressourcenbasierte Richtung und hat mehrere Methoden und Interventionen zur Steigerung des Wohlbefindens entwickelt.

Das Bewusstmachen eigener Charakterstärken ist ein wichtiger Schwerpuntk in der Positiven Psychologie. Man nimmt an, dass es Menschen zufriedener mit Ihrem Leben und sich selbst macht, wenn sie sich bewusst sind, über welche Stärken sie verfügen und vor allem wenn diese Stärken bewusst im Alltag durchlebt werden. Es gibt mehrere Möglichkeiten die eigenen Charakterstärken zu ermitteln. Einer der Möglichkeiten ist ein Charakterstärkentest, den Martin Seligman zusammen mit seinen Forschungskollegen nach jahrelanger Arbeit entwickelt hat. Der Test besteht aus ca. 200 Fragen, deren Beantwortung ca. 30 Minuten dauert. Nach Abschluss des Tests bekommt man die Auswertung der eigenen Stärken sortiert nach Ausgeprägtheit der jeweiligen Stärke. Eine andere Methode, bekannt als „Reflected Best Self Excercise“ besteht darin, dass man 10 bis 12 Menschen aus seinem Umfeld (beruflich wie privat) bittet drei detaillierte Geschichten über den wertvollen Beitrag zur Gemeinschaft, Arbeit, Umwelt, etc…, wo die Charakterstärken zum Vorschein kommen, zu erzählen. Anschließend analysiert man die Rückmeldung, findet die Gemeinsamkeiten heraus und erstellt ein Porträt des bestmöglichen Selbst, basiert durch die Erfahrungen der anderen.

Ein weiterer wichtiger Aspekt der positiven Psychologie ist das Posttraumatische Wachstum. Man hat festgestellt, dass nach schwierigen und traumatisierenden Lebensereignissen einige Menschen an Posttraumatischen Belastungsstörung leiden, während andere Menschen einen sogenanntes Posttraumatisches Wachstum erleben. Langfristig werden einige Menschen mit posttraumatischem Wachstum sogar resilienter und widerstandsfähiger als vor dem traumatischen Ereignis. Die Transformation wird ausgelöst durch stärkere Wertschätzung des Lebendigseins und der Beziehungen zu anderen Menschen, durch Offenheit für neue Möglichkeiten, durch weitere Entwicklung und Stärkung der persönlichen Stärken, oder durch die Entwicklung der Spiritualität.

Ist Positive Psychologie ein Fluch oder Segen? Jeder soll es letztendlich für sich entscheiden. Meine persönliche Meinung, ist, dass Positive Psychologie viel dazu beitragen kann, dass die Menschen sich besser fühlen, mit Ihrem Leben zufriedener sind und die Kraft und die Stärke in sich finden die eigenen Potenziale zu entfalten. Positive Psychologie wie vieles andere ist sicher kein Heilrezept für alle und alles, aber in manchen Fällen kann es vieles bewirken. Viele Ratgeber und Dankbarkeitstagebücher enthalten viele interessante Tools zur Selbstanwendung, dennoch ersetzen diese nicht eine professionelle Beratung oder Therapie mithilfe der positiven Psychologie und bieten auch keinen allumfassendes Behandlungskonzept an.

Wenn es so einfach wäre, dass jeder selbst dazu in der Lage ist sich zu heilen, wären die ganzen Spezialisten auf dem Gebiet überflüssig. Ich glaube auch, dass wenn es einem hilft sich besser zu fühlen und mit Stress-Situationen besser umgehen zu können, dann ist es viel besser ein solches Tool anzuwenden und davon zu profitieren, als deprimiert und ohne Hoffnung sein Leben zu leben. Auch in Situationen wenn es, wie einige gerne sagen, zur „Selbstoptimierung“ beiträgt. Zu Selbstoptimierung tragen in gewisse Weise auch die gesunde Ernährung, Sport, und Entspannung bei. Positiv betrachtet kann man diese Art der Selbstoptimierung auch als Selbstfürsorge auffassen.

Quellenverweise und weiterführende Literatur

  1. P. Masurczak, Positive Psychologie in der Kritik: Schluss mit lustig! Deutschlandfunk Kultur, 04.02.2021.
  2. U. Nuber, Vorwort zum Buch [5]
  3. Positive Psychologie. Universität Zürich, Psychologisches Institut, Persönlichkeitspsychologie und Diagnostik
  4. M. Seligman (2021). Flourish. wie Menschen aufblühen. Die positive Psychologie des gelingenden Lebens. 5. Auflage. Kösel Verlag.
  5. B. L. Fredrickson (2011). Die Macht der guten Gefühle. Campus Verlag.
  6. J. A. Gottman (2014). Die 7 Geheimnisse der glücklichen Ehe. Ullstein Taschenbuch.

Julia Karrasch, 18. Oktober 2023