Stressbewältigung bei Kindern durch Achtsamkeitsmethoden

Die Stressbelastung bei Kindern nimmt stetig zu. Die Gründe dafür sind sehr vielfältig. Dazu zählen steigende Anforderungen im schulischen Alltag, Leistungsdruck, und die große Anzahl von organisierten Freizeitbeschäftigungen, die den Kindern oft kaum freie Zeit lassen. Zum anderem kann es auch am sozialen Umfeld liegen: hohe Erwartungen der Eltern, Druck von Freunden, und soziale Medien. In Folge dessen steigt die Anzahl der Kinder, die u.a. unter Konzentrationsstörungen, Erschöpfungssyndromen, Depressionen und teilweise sogar Burnout leiden (vgl. Schulte-Markwort (2015)).

Die Gefahr der Überforderung und damit einhergehend das hohe Risiko der Entstehung von stressbedingten Erkrankungen bei Kindern und Jugendlichen müssen erkannt werden. Wir als Eltern, Großeltern, Freunde und Lehrer sollten auf die Probleme der Kinder achtsam eingehen und ihnen helfen, Instrumente zu finden, die in schwierigen Situationen bei der Bewältigung von Stress hilfreich sein können.

Achtsamkeitstraining ist eine der Methoden, die bei der Stressbewältigung und Stressprävention enorme Erfolge aufzeigt. Durch Praktizieren der Achtsamkeit entwickeln die Kinder und Jugendlichen einen Zugang zu sich selbst, sie lernen sich selbst besser verstehen, Autopilot-Muster werden erkannt, die Kinder erlangen mehr Selbstbewusstsein, Selbst-Akzeptanz und Selbst-Liebe, und können sich besser konzentrieren.

Ursachen und Wirkungen von Stress bei Kindern

Stress entsteht beim Ungleichgewicht zwischen äußeren Anforderungen und inneren bzw. persönlichen Ressourcen und Bewältigungsmöglichkeiten. Er wirkt auf den Körper auf physiologischer und auf psychologischer Ebene. Lang anhaltender Stress wirkt sich negativ auf die Gesundheit sowohl von Kindern und als auch Erwachsenen aus.

Stress hat die Menschheit schon immer begleitet und hat ursprünglich für das Überleben unserer Urahnen gesorgt. Dabei muss Stress nicht immer negativ gesehen werden. Man unterscheidet zwischen Eustress, dem positiven Stress, der entsteht wenn man sich auf bevorstehende Ereignisse sehr freut oder in der Gegenwart positive Erfahrungen durchlebt, und Distress, dem negativen Stress, mit dem man viele alltäglichen Situationen verbindet, die mit zu vielen Anforderungen in Verbindung stehen und als belastend empfunden werden. Gegenwärtig sind viele Erwachsene – und zunehmend auch Kinder – übermäßigem Distress ausgesetzt. Die Digitalisierung, die eine Erreichbarkeit rund um die Uhr ermöglicht sowie eine Flut an Informationen liefert, die man kaum noch verarbeiten oder nach Relevanz sortieren kann, der enorme Leistungsdruck, der bereits im Grundschulalter anfängt und alle folgenden Lebensabschnitte durchzieht, hohe Erwartungen an Effizienzsteigerungen in vielen Lebensbereichen fordern von vielen Kindern und Erwachsenen ihren gesundheitlichen Tribut.

Zu den Stressursachen, die besonders bei Kindern relevant sind, gehören:

  • familiäre Ursachen:
    • soziodemographischer Status, wie, z. B. Armut, Kinder aus Familien mit Migrationshintergrund;
    • Arbeitslosigkeit der Eltern;
    • geschiedene Eltern (37,7% aller Ehen in Deutschland im Jahr 2017);
    • Werte, vor allem wenn es eklatante Unterschiede zwischen den eigenen und den vorgelebten Werten gibt;
    • unausgesprochene Ansprüche und Unzufriedenheit der Eltern;
    • gestörte Work-Life-Balance vor allem der Mütter (Spagat zwischen Job und Familie, nicht genügend Zeit für sich selbst und die Kinder und daraus resultierende Schuldgefühle);
  • Lebensumfeld oder schulische Ursachen:
    • Ängste vor Tests/Proben;
    • der Wunsch oder gar die Erwartung, immer gute Noten schreiben zu müssen;
    • zu viele Hausaufgaben und zu wenig Zeit;
    • unzählige „Hobbys“, die den Kindern kaum noch Freizeit lassen;
    • digitale Medien, die eine Rund-um-die-Uhr-Verfügbarkeit suggerieren oder gar erwarten;
    • Mobbing;
  • innere Welt:
    • mangelndes Selbstwertgefühl und Selbstvertrauen;
    • das Gefühl sich immer mit den anderen vergleichen zu müssen („Ich bin nicht gut genug, der andere kann es bestimmt besser.“);
    • eine extreme Außenorientierung;
    • Ängste, u.a., vor äußerer Bewertungen, wie z.B. das Gefühl etwas falsch gemacht zu haben.

Die Ergebnisse der Stress-Studie 2015 „Burn-Out im Kinderzimmer: Wie gestresst sind Kinder und Jugendliche in Deutschland?“ unter der Leitung von Prof. Dr. Ziegler von der Universität Bielefeld zu den Wirkungen von permanentem Stress bei Kindern sind alarmierend (Ziegler 2015). Sie hat gezeigt, dass „jedes sechste Kind und jeder fünfte Jugendliche in Deutschland unter hohem Stress leidet“ (vgl. Ziegler 2015). Die Auswirkungen von Stress auf die Gesundheit der Kinder sind negativ und statistisch nachweisbar. So leiden z.B. Kinder und Jugendliche mit hohem Stresslevel häufiger unter Kopf- und Bauchschmerzen, fühlen sich oft müde und antriebslos, haben Schlaf- und Konzentrationsprobleme, und sind oft wütend und zornig. Dazu kommen ein niedriges Selbstwertgefühl und negative Wahrnehmung. Zu den gleichen Ergebnissen im Bezug auf physische und psychische Auswirkungen auf Kinder und Jugendliche kommen auch Hampel und Petermann (2003). Die Lebenszufriedenheit der betroffenen Kinder „ist im Vergleich zu Kindern mit weniger Stress drastisch gesenkt. So sind 11 Prozent der Jugendlichen mit hohem Stresslevel depressiv verstimmt“ (Ziegler 2015).

Oft bleibt der Stresszustand unerkannt und der Körper reagiert automatisch auf die Stressoren. Dies kann dazu führen, dass der Stress zu chronischem Stress wird, was sich negativ auf den allgemeinen Gesundheitszustand durch Schwächung des Immunsystems oder durch Beförderung von Herz-Kreislauf-Erkrankungen auswirkt. „Das Ausmaß an Stress, das wir in einer Situation erfahren, hängt vollständig davon ab, wie wir die Dinge wahrnehmen und mit ihnen umgehen“ (Kabat-Zinn 2013, S. 276). Hampel und Petermann (2003) stellen in Ihrem Buch fest, dass nicht alle Kinder gleich stark auf ähnliche Stressfaktoren reagieren. Stressresistente Kinder und Jugendliche verfügen über gute Stressbewältigungsstrategien, wie z. B. bewusstes Einlegen von Pausen in starken Belastungssituationen, eine allgemeine positive Einstellungen zu sich und der Welt oder die Suche nach Rückhalt in der Familie und im Freundeskreis. Stressanfällige Kinder verfügen nicht über solche Strategien und verfallen oft in einen negativen Gedankenkreislauf, auch gönnen sie sich in der Regel keine erholsamen Pausen-Oasen.

Wirksamkeit von Achtsamkeitstraining zur Stressbewältigung bei Kindern

Achtsamkeit ist eine bewusste Anwesenheit, das Leben im Hier und Jetzt, die bewusste Wahrnehmung dessen, was im gegebenen Moment passiert, und wie der eigener Körper darauf reagiert. Durch Achtsamkeit kann man sein Selbstvertrauen stärken. Selbstvertrauen ist der Glaube, dass man durch eigenes Handeln viel Einfluss auf die einen betreffenden Ereignisse nehmen kann. Selbstvertrauen stellt einen bedeutenden Gesundheitsfaktor dar (vgl. Kabat-Zinn 2013, S. 240).

Es gibt mehrere Forschungsgruppen — wie z.B. das von Stefan Schmidt gegründete „Forschungsnetzwerk Achtsamkeit“ oder die „American Mindfulness Research Association“ (AMRA)— die sich mit der Wirkung der Achtsamkeit auf die Gesundheit und als Mittel zur Stressreduktion befassen. Die Achtsamkeitsforschung befasst sich unter anderem mit der Frage, wie kontinuierliches Achtsamkeitstraining „die exekutiven Funktionen trainiert und wie dadurch die exekutive Flexibilität erhöht werden kann“ (Kaltwasser 2016, S. 29).

Stressbewältigung ist dabei ein klassisches Ziel des Achtsamkeitstrainings, jedoch nicht mit einer Methode „im Sinne der Leistungsoptimierung durch eine Art von „Bewusstseins-Tuning““ Menschen bdquo;resilienter und effizienter“ macht (Kaltwasser 2016, S. 9).

Laut der Studie Marusak et al. (2018) zeigen Kinder, die Erfahrung mit Achtsamkeit gesammelt haben, mehr Stressresistenz im Vergleich zu den Kindern aus der Kontrollgruppe. An der Studie haben 42 Kinder und Jugendliche (davon 23 Mädchen) im Alter von 6 bis 17 Jahren teilgenommen. Das Ziel der Studie war die Veränderung neurokognitiver Verbindungen im Gehirn mit Hilfe der funktionellen Magnetresonanztomographie (fMRT) während Achtsamkeitstrainings zu untersuchen. So können die „achtsamen“ Kinder in Stresssituationen Ihre Aufmerksamkeit von der negativen Gedankenspirale auf das Positive im Hier und Jetzt oder auf den eigenen Körper lenken. Ein achtsamer Umgang mit sich selbst hat einen großen positiven Einfluss auf unsere Reaktionen auf verschiedene Stressfaktoren. Um das zu ermöglichen, müssen wir uns zuerst bewusst machen, in welchen Situationen wir unter Stress leiden und welche Reaktionsmöglichkeiten uns zur Verfügung stehen. So kann man sich in stressigen Situationen der negativen Gedankenspirale entziehen mit der Frage: „Ist es wirklich so? Stimmt meine Wahrnehmung?“.

Die zwei Studien Kaltwasser, Sauer und Kohls (2014) und Weber et al. (2016) zur Wirksamkeit von Achtsamkeit zur Stressreduktion belegen die positiven Effekte auf die Aufmerksamkeitssteuerung und die Emotionsregulation bei den Klassen, in denen das AISCHU („Achtsamkeit in der Schule“ von Vera Kaltwasser) Programm praktiziert wurde. Im Rahmen der Pilotstudie Kaltwasser, Sauer und Kohls (2014) haben drei fünfte Klassen an einer Schule in Frankfurt/Main teilgenommen. Innerhalb von 12 Wochen hat eine Klasse drei Mal pro Woche für 10-15 Minuten an einem Achtsamkeitstraining teilgenommen, eine zweite Klasse (aktive Kontrollgruppe) hat Vorleseübungen im gleichen Zeitumfang gemacht, und die dritte Klasse (passive Kontrollgruppe) hat keine Sonderaufgaben erhalten. Laut der Studie hatte das Achtsamkeitstraining positive Effekte auf folgende relevante Aspekte.

  • Aufmerksamkeitssteuerung (sich besser konzentrieren zu können): diese Fähigkeit ist enorm wichtig vor allem beim Lernprozess.
  • Selbstregulation/Impulskontrolle: Hierbei geht es um die Fähigkeit, einen „Reiz kognitiv anders zu bewerten, als es der Organismus unmittelbar erzwingt“ (Kaltwasser 2016, S. 31). Um dem Impuls widerstehen zu können, muss dieser zunächst erkannt bzw. bewusst wahrgenommen werden. Nur dann kann man eine freie Entscheidung gegenüber dem Reiz treffen. Wie schwierig die Impulskontrolle manchen Kindern fällt, zeigt das berühmte „Marshmallow-Experiment“ von Walter Mischel aus den 1960er Jahren.
  • Emotionsregulation: Emotionen sind körperliche Reaktionen auf innerliche oder äußerliche Reize. Dadurch, dass man durch die Achtsamkeitspraxis Reize bewusst wahrnimmt und somit einen Entscheidungsfreiraum hat, lernt man den „proaktiven“ Umgang mit den Emotionen. Kinder und Jugendliche können somit die körperliche Reaktion auf bestimmte Ereignisse kontrollieren.
  • Bewusstmachung von Vorurteilen und Bewertungen: Dies ermöglicht eine klare Sicht auf sich selbst und das soziale Umfeld. Die Kinder erlangen mehr Selbstvertrauen und Selbstbewusstsein, nehmen ihre eigenen Wünsche und Bedürfnisse wahr, ohne diese zu bewerten. Die sozialen Bindungen werden stärker, da man offener gegenüber den anderen wird.
  • Körperwahrnehmung: Man lernt auf die Signale des Körpers zu hören, diese zu akzeptieren so wie sie im Moment sind und darauf bewusst zu reagieren (z.B. sich eine Pause gönnen, Sport treiben, mehr draußen an der frischen Luft spielen).

Die Integration der Achtsamkeitspraxis in den Alltag der Kinder fördert mehr Kreativität, Selbstvertrauen, Konzentration, verbessertes Körpergefühl, Zufriedenheit und die Fähigkeit empathisch zu handeln.

England hat die Vorzüge der Achtsamkeit bereits erkannt und aufgrund einer steigenden Anzahl von Kindern, die unter hohem, krank machenden Stress leiden, Achtsamkeitsunterricht als Pflichtunterricht an den Schulen eingeführt. Aber auch in Deutschland und anderen Ländern werden an einigen Schulen und Kindergärten Pilot-Projekte in Achtsamkeit initiiert, wie beispielsweise an mehreren Schulen in Frankfurt am Main das AISCHU Konzept von Vera Kaltwasser.

Zusammenfassung

Kinder und Jugendliche stehen zunehmend unter hohen Stressbelastungen, die sich negativ auf die Gesundheit auswirken. Statistiken belegen regelmäßig, dass die Anzahl der von hoher Stressbelastung betroffenen Kinder und Jugendlichen stetig zunimmt. Die Gründe dafür sind sehr vielfältig. Die externen Stressoren werden auch in Zukunft bleiben und vermutlich sogar noch zunehmen. Kinder — und selbst wir Erwachsene — können auf einige dieser externen Umstände nicht beeinflussen. Worauf wir jedoch sehr wohl Einfluss nehmen können ist die Einstellung mit welcher wir auf Stressereignisse reagieren.

Die kontinuierliche Achtsamkeitspraxis hilft Kindern und Jugendlichen ihr Selbstwertgefühl und ihr Selbstvertrauen zu steigern, Autopilot-Muster im Verhalten zu erkennen und ihnen durch bewusste Wahrnehmung und Entscheidungen entgegen zu wirken. Kinder lernen mit Bewertungen und Vorurteilen sehr akkurat umzugehen, sie lernen, die eigenen Bedürfnisse zu erkennen, zu respektieren und ihnen Raum zu geben; und sie lernen auch wie wichtig es ist, Pausen wie Atem-Pausen, Musik hören, oder einfach für 5 Minuten alleine im Zimmer zu sein, in den Alltag zu integrieren. Wird die Achtsamkeitspraxis ein ständiger Begleiter unserer Kinder, werden sie eines Tages glückliche, zufriedene und resiliente Erwachsene. Wichtig ist allerdings, dass man die Achtsamkeit nicht als Allheilmittel für Selbstoptimierungs- und Effizienzsteigerungszwecke begreift und benutzt.

Achtsamkeit ist nur eine der Methoden, die in den Alltag unserer Kinder integriert werden kann, um den Umgang der Kinder mit hoher Stressbelastung nachhaltig zu verbessern.

Weiterführende Literatur

  1. N. Fessler und M. Knoll (2019). Achtsamkeitstraining für Kinder. 3. Auflage. Ökotopia.
  2. P. Hampel und F. Petermann (2003). Anti-Stress-Training für Kinder. 2. Auflage. Beltz.
  3. J. Kabat-Zinn (2013). Gesund durch Meditation: Das große Buch der Selbstheilung mit MBSR. Knaur Taschenbuch.
  4. V. Kaltwasser (2016). Praxisbuch Achtsamkeit in der Schule. Beltz.
  5. V. Kaltwasser, S. Sauer und N. Kohls (2014). Mindfulness in German Schools (MIS-CHO): A Specifically Tailored Training Program: Concept, Implementation and Empirical Results. In: Meditation – Neuroscientific Approaches and Philosophical Implications. Hrsg. von S. Schmidt und H. Walach. Springer, S. 381–404. doi: 10.1007/978-3-319-01634-4_20.
  6. H. A. Marusak et al. (2018). Mindfulness and dynamic functional neural connectivity in children and adolescents. In: Behavioural Brain Research 336, S. 211 –218. doi: 10.1016/j.bbr.2017.09.010.
  7. M. Schulte-Markwort (2015). Burnout-Kids: Wie das Prinzip Leistung unsere Kinder überfordert. Pattloch Verlag München.
  8. E. Snel (2013). Stillsitzen wie ein Frosch: Kinderleichte Meditationen für Groß und Klein. 6. Auflage. Goldmann.
  9. A. Weber et al. (2016). Achtsamkeit in der Schule (AISCHU): Ein Konzept zur Integration von Achtsamkeit in den Schulalltag. In: Empirische Pädagogik 30.2.
  10. H. Ziegler (2015). Stress-Studie 2015: Burn-Out im Kinderzimmer: Wie gestresst sind Kinder und Jugendliche in Deutschland?

Julia Karrasch, 26. März 2023